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April 19, 2005

Max Frisch - Andorra

Max Frisch - Andorra CoverAndorra, ein Theaterstück in zwölf Teilen, von Max Frisch, ist ein sehr interessantes Buch.
Das Buch hat zwar bereits ein paar Jahre auf dem Buckel (1975), dennoch ist die Aussage auch heute noch aktuell, auch wenn das ganze zur Zeit des 2. Weltkrieges spielte.

Ein junger Mann namens Andrí lebt mit seinem Vater - einem Lehrer - in Andorra. Es heißt, der Vater habe Andrí, einen Judenjungen, während dem Krieg aus einer misslichen Lage befreit und nun lebe er bei ihm. Andrí möchte mittlerweile eine Tischlerlehre beginnen, hat es damit allerdings nicht leicht. Der Tischlermeister beschimpft Andrí als Geldgierig, da er ein Jude sei und versucht ihn in das Büro zu drängen, obwohl der arme Geselle Tischler werden wollte.
Andrí ist generell geprägt von Vorurteilen, denn nicht nur Tischler, sondern das gesamte Dorf hängt Andrí antisemitische Vorurteile an. So verliert Andrí im Laufe der Geschichte immer mehr an Selbstbewusstsein und Ehrgeiz, sodass er irgendwann seine eigentlich aufrichtige Persönlichkeit immer mehr verliert und tatsächlich die Charakterzüge der Vorurteile annimmt, die ihm ständig vorgeworfen werden. Er wandelt sich also zu einem richtigen Vorurteils-Juden.
Nachdem die Deutsche Armee in Andorra einfällt, werden alle Bürger zu einer "Judenschau" gebracht, wo ein geschulter Deutscher alle Juden an Laufstil, Aussehen und Statur erkennt und sie umbringen lässt. Als Andrí vorlaufen muss, hat er sich bereits so stark den Vorwürfen angepasst, dass der "Judenschauer" ihn tatsächlich als Jude deklariert und umbringen lässt.
Wichtig ist aber: Während die Deutschen in Andorra (was laut Max Frisch übrigens nur der Name eines Modells ist und nicht das wirkliche Andorra repräsentieren soll) einfallen, erscheint auch eine Dame auf dem Spielfeld. Es zeigt sich, dass sie die (Deutsche)Ehefrau des Lehrers ist und bringt eine entscheidende Wende. Andrí ist gar kein Judenkind, sondern das Kind des Lehrers und seiner Gattin, also ein Deutsches Kind.
Der Pfarrer der Gemeinde (welcher anfangs auch sagte, Andrí sei etwas "anders" als die Anderen) versucht Andrí nun wieder Mut zu machen und ihm das "Judsein", wie es Max Frisch in dem Stück nennt, wieder auszureden. Da Andrí seine Identität allerdings schon völlig auf "Judsein" abgerichtet hat und die anderen Dorfbewohner es nicht annehmen wollen, dass er doch kein Jude ist, bleibt er tatsächlich in seinem Kopf ein Jude und schafft es nicht, wieder der normale, anständige, Deutsche Junge zu sein, der er eigentlich ist.


Natürlich ist dies nur eine grobe Umrandung der Geschichte, gibt sie inhaltlich dennoch weitgehend wieder.
Es werden außerdem viele Anspielungen auf das Christentum, ganz speziell die Bibel, gemacht. Was sagt uns das Buch also aus?
Das ist nun der Knackpunkt. Ohne die Bearbeitung des Buches in der Schule wäre ich da auch nie drauf gekommen. Ich ging davon aus, dass dieses Stück wieder eine weitere Kritikübung an den Machenschaften des Dritten Reiches ist. Weit gefehlt.
Max Frisch schreibt auch in anderen Büchern immer wieder darüber, dass Menschen sich kein Bildnis machen sollen. Egal von was. Deshalb auch die Anspielungen auf die Bibel, da dort in den 10 Geboten auch geschrieben steht "Mache dir kein Bildnis von Gott" (oder so^^).
Max Frisch möchte also jeden darauf hinweisen, dass, wenn man sich mit der Zeit ein festes Bild von einem Menschen macht, zwingt man ihn in diese Rolle und gibt ihm keinerlei Möglichkeiten mehr, sich zu verändern, oder zu entfalten. Der-/Diejenige wird immer wieder zurück in das alte Bild gepresst und kann so sein Verhalten, bzw. seine Charaktereigenschaft nicht mehr ändern, um Fehler oder ähnliches zu verbessern.
So ist Max Frisch der Meinung, dass man sich nicht nur von Gott (für den im Falle einer Bildnismachung das selbe wie für Menschen gegolten hätte), sondern auch nicht von seinen Mitmenschen eine feste Vorstellung machen sollte.


Interessante Aussage wie ich finde, die bei genauerem Überlegen auch absolut plausibel und logisch ist. Das Buch selbst ist wirklich interessant und teilweise auch lustig geschrieben. Es ist oberflächlich leicht verständlich und nicht kompliziert zu lesen, die tiefere Aussage allerdings zu verstehen, ist schon eine ganze Ecke schwieriger. Wie gesagt, ohne die Schule wäre ich da nicht drauf gekommen.
Wenn man also lesebegeistert ist und noch eine Kleinigkeit zu lesen sucht, kann man sich dieses Büchlein gerne mal zu Gemüte führen. Es ist nicht viel, lediglich ein kleines Taschenbuch.
Posted 5 years, 10 months ago on April 19, 2005
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Re: Max Frisch - Andorra
Ist ja auch in ordnung, jedem seine freie Meinung :)
Posted 5 years, 2 months ago von Sascha J. • @wwwReply
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